E-Bike-Test: Grace MX I

Seit einigen Jahren bin ich mit der Deutschen Marke Grace im Gespräch. Die kleine Palette mit ihren stets sehr speziellen Modellen ist für jeden E-Bike-Interessenten sehr reizvoll. Umso mehr freute ich mich, das MX I einmal testen zu dürfen. Der Look dieses Bikes ist sehr verführerisch, wenn man ein Offroadfreund ist. Der bullige Unterbau erinnert schon fast an ein Motorrad, an Motocross, wild style, yeah! Umso gespannter war ich auf meine Fahreindrücke durch die Testfahrt.

Fahrzeugübergabe
Die Fahrzeug-Übergabe begann wenig erfreulich: Reifen halbplatt, fehlender Fahrzeugausweis und die Beschriftung des Bikes – es kam gerade von einem Event – musste weg. “Na ja, kann ja jetzt nur besser werden”, war mein Motto. Einmal rund ums Bike und es passt alles: Der Look ist super, entspricht dem Katalog zu 100%, wirkt sportlich, männlich, ja fast ein bisschen wild, mir gefällt’s. Der vorgeschriebene Rückspiegel und das Mofaschild für 45-er E-Bike sind angebracht, der Seitenständer gewährt dem E-Bike den freien Stand und mir die Möglichkeit, es von allen Seiten in Ruhe zu betrachten. Der Akku liegt gut geschützt im “Metallkäfig” am Unterrohr, den man ganz einfach öffnen und runterklappen kann, Kinderspiel. Den Bosch-Tretlager-Motor möchte ich hier nicht näher vorstellen. Abgesehen von der Deutschen Qualität und seinem übersichtlichen Display, das zentral am Lenker thront und leicht zu bedienen ist, sorgt dieser für eine sehr gute Gewichtsverteilung und eine hohe Agilität des E-Bikes. Stylish und hochfunktionell ist die Lichtanlage. Neugierig machen der etwas ungewöhnliche Riemenantrieb und die stufenlose Nuvinci-Nabenschaltung.

Auf zur Testfahrt
Da die Reifen halbplatt sind, will ich kurz rauf zur Tankstelle, um sie dort zu pumpen. Die erste Gelegenheit, um einen Eindruck vom Grace MX I im Einsatz zu erhalten. Und ich stutze: Bei meinen ersten Pedaltritten bin ich ein wenig überrascht: Der Antritt des E-Bikes fühlt sich schwächer an, als ich ihn erwartet habe, und auch die Nuvinci-Schaltung ist etwas gewöhnungsbedürftig, ich muss den Motor gleich auf die höchste Unterstützungsstufe stellen, liegt es vielleicht an den halbleeren Reifen? Auch bergauf zeigt sich die Unterstützung schwächer, als ich es erwartet habe, ich komme ins Schnaufen. Bei der Tankstelle angekommen, stelle ich fest, die Ventile sind nicht fest angeschraubt, kurz festgezurrt, voilà. Doch auch mit vollgepumpten Pneus fühlt sich das E-Bike nicht so stark an wie andere seiner Klasse mit gleicher Motorisierung, sagt mir zumindest meine Erinnerung, dabei sind die Unterschiede “nur subjektiv gefühlt” und gering. Auch auf der Geraden gelingt es mir nicht, die Marke von 45 km/h zu erreichen, bei 43 km/h ist Schluss, ausser es geht bergabwärts. Auch die etwas über 23 Kilo sind sicherlich nicht der Grund für diesen Effekt, es kann aber auch lediglich an diesem Testbike liegen, bei dem ja schon einiges nicht richtig eingestellt war, wenn man an die Pneus und die Ventile denkt. Woran es lag, konnte ich bei diesem Test nicht feststellen, wenn es aber am Motor läge, würde das natürlich für alle Marken und Modelle, die mit diesem Motor ausgestattet sind, dasselbe bedeuten.

Mountainbike oder Urbanbike?
Forstwege sind für Mofas verboten, im Wald “lauern” überall Fahrverbotsschilder. Von daher muss man sich fragen, ob der Stollenpneu beim Modell mit 45 km/h-Tretunterstützung überhaupt Sinn macht, bei der 25er-Variante macht er dagegen auf alle Fälle Sinn: Hier gilt es, sich gleich von vorneherein zu überlegen, welche Motorisierung man wählt und das E-Bike entsprechend für den gewünschten Einsatz auszurüsten und gegebenenfalls zu modifizieren. Ein Test im naheliegenden Wald, im Offroad-Gelände mit Schotter- und Naturstrassen, ist mit der mir vorliegenden “45er-Maschine” nicht möglich, zumindest wenn man sich ans Gesetz halten will. Die 45er-Variante scheint daher eher ein Modell für die Strasse, die Stadt, Überland, Agglomeration. Der Riemenantrieb – aus Karbon, was für Hightech spricht – arbeitet sauber und effizient und ist auch sauber bezogen auf ein mögliches ungewolltes Handling. Hier droht keine fettige Kette, die Hände im Notfall zu verschmieren – sicherlich ein geeignetes Konzept für den urbanen User. Die Nuvinci-Nabenschaltung ist im Gelände eher ungeeignet, die Gangorientierung fehlt und das Handgelenk wird mitunter beim Schalten stark gebogen und würde im Gelände unangenehmen Schlägen ausgesetzt. Eine konventionelle Schaltung mit Gängen, wie man es vom Mountainbike her kennt, die mit Schalthebeln am Lenker eingeklickt werden, wäre besser geeignet und würde auch für eine stabile Fahrerhaltung sorgen. Auf der Strasse, im urbanen Gefilde, ist die Nuvinci-Schaltung jedoch eine lässige Geschichte. Man muss sich nicht überlegen, in welchem Gang man sich befindet und welchen Hebel man für welche Wirkung betätigen will. Man dreht einfach am rechten Lenkergriff und der Tretwiderstand steigt oder sinkt, hier arbeitet man sehr mit dem Fahrgefühl. Aufgrund dieser Mischung aus Mountainbike-Look und strassenkonformen Fahreigenschaften habe ich bezüglich des E-Bike-Konzeptes den Eindruck gewonnen, als wenn ein Urban-Biker und Stadtmensch ein E-Mountainbike für den Gebrauch in der Stadt konzipiert hat. Ja, das Grace ist speziell.

Dafür ist die Gewichtsverteilung (das hintere Rad ist “gefühlt” so leicht wie das vordere, nicht wie bei E-Bikes mit Nabenantrieb) sehr gut, damit ist die Grundstabilität und eine hohe Agilität bestens gewährleistet. Sehr überzeugend wirkt die Geometrie auf mich, mein Eindruck: sie ist ausgezeichnet. Ich sitze sofort richtig, das Balancefeeling ist wirklich toll, kein gestreckter oder gebogener Rücken, der mir in 30 Minuten wehtut, man fühlt sich von Beginn weg wohl auf dem Grace MX I, tiptop gelöst, Jungs. Auch die Gabel sorgt für den entsprechenden Komfort, was bei einem Hardtail für viele immer so ein Knackpunkt ist. Man hat sich hier von Herstellerseite löblicherweise auch für eine RockShox-Gabel und damit für Markenware entschieden. Dieses Qualitätsdenken setzt sich durch das ganze E-Bike durch und drückt ihm den Stempel von Qualität und Komfort auf. Auch der Lenker hat die ergonomisch richtige Breite, die Bremsgriffe könnten nach meinem Geschmack ein wenig länger sein, aber für geübte Biker sicherlich kein Problem. Selbst der sportliche Sattel fühlt sich komfortabel an. Auch die Elektrik überzeugt: Die hochwertige Beleuchtung, die bei einbrechender Dämmerung und in der Nacht für ausreichend Licht sorgt, und für andere Verkehrsteilnehmer von Weitem gut sichtbar ist, beeindrucken mich. Da sie direkt vom Akku gespeist wird, funktioniert die Beleuchtung auch, wenn das Bike still steht. Da mir die Optik gefällt und der Komfort sehr hoch ist, habe ich im Nu 20 km hinter mich gebracht oder ich bin einfach einmal ½ Stunde auf dem E-Bike unterwegs und habe das Gefühl, es sei erst gerade einmal fünf Minuten gewesen. Das MX I entpuppt sich als echter Spassmacher, von dem man nicht so schnell genug bekommt, man hat stets Hunger auf Ausfahrten mit dem E-Bike.

Fazit
Insgesamt ist den Machern des Grace MX I ein tolles E-Bike gelungen, dafür sorgen eine unheimlich tolle, sportliche Optik, ein sehr angenehmes Handling, ein beeindruckender Komfort getragen von einer hervorragenden Geometrie und modernster Technik. Mein Tipp: Beim 25-er E-Bike die Nuvinci-Schaltung durch eine klassische Gangschaltung ersetzen, damit es im Gelände besser geeignet ist, und bei der 45-er Variante einen Strassenpneu statt des Stollenpneus montieren. Das Grace MX I bietet damit echt cooles Mountainbikefeeling für den urbanen Biker.

Technische Daten & Detailbewertung

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