Der Schweizer E-Bike-Pionier Flyer wird deutsch

Die von der Firma Biketec AG produzierte E-Bike-Marke Flyer ist der Pionier der erfolgreichen E-Bike-Vermarktung schlechthin. Ohne Flyer stünden wir heute mit den E-Bikes nicht da, wo wir uns heute befinden. Ein unheimlich beschwerlicher Weg war nötig, um E-Bikes marktfähig zu machen. Die Anfänge von Flyer waren von Enthusiasmus, Aufbruchstimmung, Finanz- und Ressourcenproblemen und einem Konkurs gekennzeichnet.

Um Erfolg zu haben, muss man erst scheitern.

Die Erfolgsstory
Nicht nur Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler musste da durch, sondern auch Flyer. Entgegen der kleinkarierten Meinung der meisten Menschen in der Schweiz und Deutschland ist ein Konkurs offensichtlich nicht das Ende des beruflichen Lebens, sondern ein unternehmerischer Schicksalsschlag, aus dem starke Unternehmer lernen und es mit neuem Konzept künftig besser machen. Das ist Flyer unter der Leitung von Kurt Schär gelungen wie niemandem zuvor aus der (Schweizer) Bikebranche. Er hat aus Nichts und nach dem Konkurs von Flyer eine Erfolgsstory hingelegt, wie man sie nicht besser hätte erfinden können. Als reiner E-Bike-Hersteller war Flyer lange Zeit (über Jahre) unangetasteter Marktführer mit einer marktbeherrschenden Stellung. Als man in der Schweiz die neue E-Bike-Zukunft feierte, da wollte man in Deutschland und anderen europäischen Ländern noch nichts von E-Bikes wissen. Das richtige Konzept zum richtigen Zeitpunkt hatte den Durchbruch gebracht: E-Bikes im Look eines klassischen Damenvelos mit Motorenunterstützung und solide gebaut. Ab da an ging es endlich aufwärts und mit so einem Tempo, wie man es nicht vermutet hatte. Von ursprünglich ein paar Handvoll E-Bikes war man in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts daran, im zweistelligen Tausenderbereich E-Bikes zu verkaufen. Nun war das Geschäft zum Erfolg geworden.

Der Absturz
Der Erfolg zog Nachahmer und Schmarotzer nach sich. Sehr bald wuchs die Anzahl Hersteller, die an diesem lukrativen Geschäft mit partizipieren wollten, indem sie die Idee kopierten. Das ist eine der Schwachstellen der heutigen Rechtssprechung. Geschäftsideen sind aktuell nicht schützbar. Der lange anhaltende Erfolg, der sich über Jahre hinzog, rief zum einen Neider und Konkurrenten auf den Plan, zum anderen hegte man sich zu sehr in Sicherheit, glaubte an einen endlosen Erfolg, ohne die Konzepte zu modernisieren. So alterte Flyer plötzlich und die neuen Marken brachten modernere Konzepte auf den Markt. Mit einem kritischen Testbericht der deutschen Stiftung Warentest kam es im wichtigen Absatzmarkt Deutschland (bis zu 50% des Absatzes mit Millionen-Umsatz) zu einem massiven Absatzeinbruch, den das Unternehmen beinahe das Rückgrat brach. Böse Zungen sprechen von einem abgekarteten Spiel der deutschen Fahrradindustrie und der Stiftung Warentest, um so den Schweizer Marktführer zu Fall zu bringen.

Die Rettung und der Umbruch
Die Folge musste Pionier Kurt Schär mit seinem Abgang bezahlen, die Göhner Stiftung fing das angeschlagene Unternehmen auf und setzte mit Simon Lehmann einen neuen CEO ein, der mit neuen Ideen das Programm modernisierte. Der einstige Marktführer verkam in den letzten Jahren zum Nischenplayer, der sich als Premium-Hersteller zu positionieren versuchte. Die Kommunikation mit dem einst offenen Unternehmen gestaltete sich schwierig und mühsam. Gerade in der Krise sollte man eigentlich gut kommunizieren, aber man schien es in den Kommunikationsabteilungen nicht zu schätzen, dass wir uns vom E-Bike Guide mitunter kritisch zu Flyer äusserten. Das ist eine Grundschwäche der Fahrradbranche und der Sportartikelbranche. Kritiker werden gerne ausgegrenzt, die Pressefreiheit ist ein demokratisches Gut, das in der Industrie gerne mit Füssen getreten wird. Das ist der Grund, weshalb man in Fachzeitschriften nie negative Bericht über Fahrräder findet. Solche Menschen will man dort nicht finden. Häufig sind natürlich die Produkte so gut, dass eine Kritik nicht gerechtfertigt oder möglich wäre, aber wenn man auch zu Recht hinterfragt oder kritisch berichtet, läuft man in der Fahrradbranche Gefahr, kalt gestellt zu werden. Mit ehrlicher, aber kritischer will man nichts zu tun haben. Was der Endverbraucher davon hat, ist egal.

Der Verkauf nach Deutschland
Nun geht das Unternehmen in die Hände der deutschen ZEG über, die ZEG Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft eG in Köln. Mit einem zitierten Gruppenumsatz von 1.2 Mrd. Euro und 670 Händlern kann die ZEG ganz anders arbeiten, bessere Einkaufskonditionen erarbeiten und das Marktwachstum sichern. Das Führungsteam will sich auch für den neuen Besitzer voll einsetzen: «Die ZEG wird uns als neuer strategischer Eigentümer sowohl bezüglich des Marktzugangs wie auch im Einkauf Vorteile verschaffen, die in der bisherigen Konstellation nicht erreichbar waren» sagt Andreas Kessler, CEO von Biketec. So geht ein Stücker Schweizer Erfolgs- und Fahrradgeschichte in die Hände Deutschlands über. An die Bedeutung früherer Jahre wird Flyer nie mehr anschliessen können, eingebunden in den Verbund diverser erfolgreicher Bikemarken von ZEG. Es ist zu befürchten, dass die Marke auch in der Schweiz an Bedeutung verlieren wird, sollte man nicht mit aller Macht die Schweizer Flagge hervorheben – das zieht bei den patriotischen Schweizer Konsumenten immer-, doch nun klebt die deutsche Flagge auf dem E-Bike aus der Schweiz. Wie werden die Kunden wohl darauf reagieren? Wir dürfen auf das nächste Kapitel gespannt sein.

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